Caupanos Welt

Eine Sammlung dessen, was mit so begegnet

Genau hingesehen: helles Tageslicht auf die AAW-Stiftung

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Allzu häufig wird darüber geklagt, in unserer Gesellschaft gäbe es eine Kultur des Wegsehens. Nun, ich will es besser machen und habe ganz genau hingesehen, nämlich in die Stiftungsbroschüre des AAW. Meine Gedanken dazu gibt es hier:

(1) Seitentitel „Vorworte“

„Das Gesehene und Erlittene hat die Betroffenen zu Seelenverwandten zusammengeschweißt“

Schobers Führungsstil hat schon einige der Seelenverwandten aus den Reihen des AAW herausgetrieben (s. Post vom 16.10.)

(2) Seitentitel „Aus der Satzung der Stiftung“

„Die evangelische Kirche erfüllt wichtige Aufgaben im Leben von Kindern und Jugendlichen im Hinblick auf Bildung, Erziehung und Betreuung.“

Ich will hier die evangelische Kirche nicht kleinreden, frage mich aber, ob die evangelische Kirche hier allein genannt werden sollte. Zum einen gibt es auch noch andere, zum andere ist die evangelische Kirche aber auch nicht für alle geeignet, Kinder mit anderem religiösen und konfessionellem Hintergrund mögen gegebenenfalls gar nicht von der evangelischen Kirche vertreten werden.

(3) Seitentitel „Was wir jetzt nicht bewegen, wird möglicherweise nie bewegt“

„Obgleich bis heute keine einheitlichen Erklärungsmuster existieren, scheinen Parallelen erkennbar“

Hier werden Schlüsse aus dem Scheinbaren gezogen. Dazu erübrigt sich wohl jeder Kommentar.

„Die jugendlichen Täter gelten als still und unauffällig […] stets liegt ein auffälliger […] Medienkonsum vor“

Was denn nun? Auffällig oder nicht? Da sollte man sich schon entscheiden…

Außerdem hat Georg R. (Amoklauf von Ansbach) keine entsprechenden Computerspiele gespielt.

„Bei Ego-Shooter-Spielen lernen die Täter nicht nur Treffsicherheit[…]“

Wenn man mit Maus und Tastatur zielt, lernt man gar keine Treffsicherheit mit Waffen, das ist kompletter Unsinn, wie jeder, der schon einmal mit Waffen umgegangen ist, bestätigen kann.

„[Computerspiele, in denen] ein bewaffneter Aggressor virtuelle Gegner abschießt[…]“

Der Spieler, dass muss man hier einmal festhalten, ist in der überwiegenden Mehrzahl (um nicht zu sagen quasi allen) der Shooter nicht Agressor. Die Spielperspektive ist in der Regel die Sicht eines Soldaten oder Mitglieds einer Spezialeinheit, der die Welt, sein Land oder unschuldige vor den Agressoren beschützt. Einige Beispiele

  • Doom 1,2,3: Gespielt wird ein Soldat der Marines, der auf anderen Welten die Mächte der Hölle bekämpft
  • FarCry: Gespielt wird ein Ex-Marine, der aufgrund äußerer Umstände gegen eine Gentechnikfirma kämpfen muss, die genetisch veränderte Superkrieger züchten will
  • Call of Duty 1,2,3: Der Spieler kämpft in der Rolle verschiedener alliierter Infanteristen im zweiten Weltkrieg gegen Nazideutschland

Für persönlichkeitsgestörte Jugendliche gelten diese Spiele als möglicher Risikofaktor[…]

Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Für psychisch Kranke Jugendliche gelten diese Spiele als möglicher Risikofaktor. Hier ist die Broschüre eigentlich sehr genau: Man weiß nicht im geringsten, ob auch nur einer der Punkte mit irgend einem anderen in irgend einer Weise zusammenhängt. Schade nur, dass man sich trotzdem zutraut, aus dieser unsicheren Basis Schlüsse zu ziehen.

„[…]Gefährdung durch Waffen, Killerspiele und Gewalt[…]“

Diese Gefährdung ist auch einen Absatz später immer noch nicht wissenschaftlich erwiesen, bei Computerspielen ist sogar bewiesen, dass sie keine Gefährdung darstellen.

„Gründung eines Expertenrates mit Rechtswissenschaftlern, Kriminologen, Psychiatern, Psychologen und Erziehungswissenschaftlern. Der Rat soll Risikofaktoren erkennen, einen Katalog erarbeiten und in schnell realisierbare Präventionsprojekte umsetzen.“

Ich denke nicht, dass dieser Rat durch neutrale Forschung und Recherche zu Ergebnissen kommen kann. Was passiert, wenn man die Spielekiller mit Fakten konfrontiert, die nicht in ihr Weltbild passen, hatte ich am 27.10. bereits berichtet.

Darüber hinaus bin ich kein Fan von Schnellschüssen, schnell realisierbare Präventionsprojekte müssen nicht unbedingt diejenigen sein, von denen die besten Ergebnisse zu erwarten sind – wo allerdings keine ordetnliche Grundlagenforschung zu erwarten ist, ist es eigentliche sowieso egal…

„Realisierung einer Musterschule mit Vorbildcharakter für ein Höchstmaß an Sicherheit in Hinblick auf Krisenplanung, bauliche Maßnahmen wie […] der Einbau von Sicherheitstüren (Spion, schusssicher, Türknauf statt -griff)[…]“

Und da sind sie schon, die Schnellschüsse, vor denen ich gewarnt hatte. Erstmal bauen, dann erforschen. Wer denkt sich sowas nur aus?

Außerdem halte ich eine mit schusssicheren Türen und ähnliche baulichen Maßnahmen ausgestattete Schule für ungeeignet, um junge Menschen zu erziehen. In einem Gebäude, dass den Charme von Alcatraz ausstrahlt, sind Kinder und Jugendliche wohl kaum zu freien und selbstverantwortlichen Erwachsenen zu erziehen. Umfragen unter Schülern zeigen, dass schon Kameras geeignet sind, das Lernklima sehr negativ zu beeinflussen (Pressemitteilung der LandesschülerInnenvertretung NRW), und da waren andere Maßnahmen noch nicht einmal angedacht.

Darüber hinaus zeigen Studien, dass durch das Anbringen von Videoüberwachungsanlagen die Angst davor, Opfer eines Verbrechens zu werden ansteigt. (Kata Veil: „Videokontrolle und Planung für den öffentlichen Raum“, Florian Glatzner: „Die staatliche Videoüberwachung des öffentlichen Raumes als
Instrument der Kriminalitätsbekämpfung
“). Wenn dies schon für Kameras gilt, ist nicht zu erwarten dass andere, noch offensichtlichere Maßnahmen die Angst vor einem Amoklauf noch mehr verstärken? Und ist es wünschenswert, dass unsere Kinder in ihren Schulen, in denen sie einen gutteil ihrer Zeit verbringen, dauerhaft der Angst ausgesetzt werden, sie könnten von einem psychisch kranken Täter überraschend ermordet werden? Ich finde nicht.

„Kanalisierung […] Veröffentlichung und möglichst flächendeckende Verbreitung [der Erfahrungsberichts aus bestehenden Schulprojekten. […] Die Projekte stärken das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern“

Hatte ich bereits von voreiligen, unbewiesenen Schlüssen geschrieben? Ich denke schon. Eine gute Idee wäre es, die Erfahrungsberichte zunächst einmal zu sammeln, die Projekte durch geeignete Maßnahmen zu evaluieren und diese Ergebnisse zu veröffentlichen. Projekte mit guten Ergebnissen könnten dann an andere Schulen verteilt werden. Auf diesem Weg könnten sehr viele Schulen von Modellprojekten profitieren. Wenn man aber ohne Evaluation Schlüsse zieht, gibt man leicht Unmengen von Geld und Ressourcen für Projekte aus, die keinen positiven Effekt haben (s.o.).

Finanzierung von Schulpsychologen, um Lehrer bei auffälligen Schülern zu unterstützen

Prinzipiell eine sehr gute Idee. Aber: Die Täter der Amokläufe in Deutschland waren unauffällig, das steht sogar ganz vorne in der Broschüre drin. Auch wenn die Psychologen sicherlich gebraucht werden, die Täter wären mit ihnen sicherlich nicht in Kontakt gekommen (außer durch auffällig unauffälliges Verhalten, über das ich ja bereits schrieb).

„Der Notruf soll aber auch gezielt Jugendlichen helfen, die sich in der Schule benachteiligt und/oder der Verfolgung und dem Spott von Kameraden, Mitschülern und Lehrern oder einem enormen Leistungsdruck der Eltern ausgesetzt fühlen.“

Einen solchen Notruf gibt es bereits. Man nennt dieses Projekt das Kinder- und Jugendtelefon (KJT) oder auch die Nummer gegen Kummer. Unter 0800 1110333 kümmern sich deutschlandweit unzählige Eherenamtliche um die großen und kleinen Sorgen der Kinder. Warum das AAW diese Arbeit durch ein Konkurrenzprodukt torpedieren möchte, ist mir unklar. Oder weiß man vielleicht gar nicht, dass es so etwas gibt? Hilfreich wäre in jedem Fall, statt einen neuen Notruf zur Beratung Jugendlicher einzurichten dem KJT das dafür vorgesehene Geld zukommen zu lassen, aus dass die etablierte und gute Arbeit noch weiter ausgebaut und verbessert werden kann.

(4) „Pressearbeit“

Durch die Berichterstattung in den Medien sollen Regierungsgremien, Gesetzgebung und Bevölkerung auf bestehende Risikofaktoren für Schul-Amokläufe sensibilisiert werden.

  • Zusammenhang zwischen Amok und Zugang zur Tatwaffe[1]
  • Intensiver Gebrauch von Killerspielen [2]

Und an dieser Stelle weiß ich auch, warum ich mir bei den AAW-Publikationen wie bei einer Rede von Cato fühle. „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ – wenn man es nur oft genug wiederholt wird schon irgendwas hängen bleiben, und das sagt das AAW hier ja auch ganz klar: Die Berichterstattung soll den Einfluss ausüben. Fakten, Studien und ähnliches zu verwenden ist einfach nicht der Stil des AAW.

[1] Das Tatwaffe alles mögliche sein kann, hat Georg R. bereits bewiesen. Außerdem sei darauf hingewiesen dass es Schützenvereine (die ja immer gern als „Quelle“ der Tatwaffen angesehen werden) schon deutlich länger als die Bundesrepublik Deutschland gibt – hätten diese also einen Einfluss, müssten wir uns bereits alle gegenseitig umgebracht haben…

[2] Wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder wird falscher wiedergekäut. Der aufmerksame Leser lese die Studien, die ich angegeben habe.

Fazit

Die zu gründende Stiftung des AAW wird leider genau das gleiche gequirte Exkrement wie das AAW verbreiten, fordern und fördern. Hätte man sich stattdessen zu einem Programm der ergebnisoffenen Forschung mit Experten entschlossen, wäre es vielleicht möglich gewesen das ganze eingesammelte Geld zu einem vernünftigen Zweck zu verwenden und damit tatsächlich Amokläufe zu verhüten. So wird es nur eingesetzt, um die Kluft zwischen Spielern und Nichtspielern bzw. Schützen und Nichtschützen weiter zu vergrößern.

Schade, meint der
Caupano

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Written by caupano

3. November 2009 um 07:19

Veröffentlicht in Computerspiele, Politik

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